Bei dieser Fallbeschreibung aus einem unserer deutschen Projekte handelt es sich um einen aktuellen, noch nicht abgeschlossenen Fall. Der Bericht soll verdeutlichen, wie langwierig und kleinschrittig die therapeutische Arbeit bei Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch ist.

*Alle Personenbezogenen Daten wurden zum Schutz der Privatsphäre leicht verändert*

Nennen wir den jungen Mann aus unserem Projekt Ben F.
Ben ist 16 Jahre alt. Er wohnt in einem Jugendhaus.

Ben vertraut sich dem Sozialpädagogen im Jugendhaus an und erzählt, dass er mit 11 Jahren von seinem Onkel sexuell missbraucht wurde. Es wird ein erstes Beratungsgespräch in der Traumaberatung vereinbart, zu dem er gemeinsam mit dem Sozialpädagogen geht. Vor Ort kann er Fragen stellen, wird über Unterstützungsmöglichkeiten und eine mögliche Anzeige bei der Polizei informiert. Auf das erste Treffen folgen viele weitere – mit und ohne den Sozialpädagogen. In diesen Gesprächen erzählt Ben immer weiter stückweise von den Übergriffen durch den Onkel. Im Laufe der Zeit wird klar, dass es sich nicht um ein einmaliges Geschehen, sondern um Missbrauch über einen längeren Zeitraum gehandelt hat. Ben erwähnt, dass er lange dachte, er hätte all das verarbeitet. Seitdem er aber eine Freundin hat, käme das Erlebte immer stärker in sein Bewusstsein zurück. Neben Methoden der Aufarbeitung und dem Verstehen des eigenen Verhaltens wird Ben in den Sitzungen vor allem vermittelt, dass seine körperlichen und seelischen Symptome auf die Auseinandersetzung mit dem Missbrauch normale Reaktionen des Körpers auf diese traumatischen Erlebnisse sind. Diese Erklärungen und die Berichte von Jungen, die ähnliches erlebt haben, beeindrucken Ben am meisten. Das Gefühl nicht „gestört“ zu sein (O-Ton Klient), wirkt befreiend auf den jungen Mann. Da im Laufe der Sitzungen die Bilder der Übergriffe immer präsenter für Ben werden, werden ihm in den Sitzungen vermehrt Techniken gezeigt, die dabei helfen sollen, Sicherheit und Stabilität im Alltag zu schaffen. Eine der Techniken ist dabei die „Tresorübung“. Bei dieser Übung werden die Erinnerungen des Erlebten gedanklich auf ein Videoband geschoben und dann in einem Tresor verstaut. Bei Bedarf und in psychotherapeutischen Sitzungen können die Bilder dann herausgeholt werden. Ansonsten bleiben die Erinnerungen im gedanklichen Tresor verschlossen.

Ben hat während der letzten Sitzungen vermehrt über eine mögliche Anzeige gegen seinen Onkel gesprochen. Sobald er genug Stabilität und Sicherheit gefunden hat, möchte er diesen Schritt gehen. Die Sitzungen werden auch in den kommenden Wochen und Monaten weitergeführt.