Den Tätern auf der Spur – Reisebericht 2/2

Den ersten Teil des Reiseberichts
können Sie hier nachlesen: Reisebericht 1/2

Das Hula-Hoop Mädchen

Von ihrem vierten bis zum achten Lebensjahr versorgte sie ihre ganze Familie: Mama und Papa, ihre Geschwister und Großeltern. Miete, Essen und alles andere. Ihr Arbeitsplatz war die große Prostitutionsstraße ”Walking Street” in Pattaya. Mehrere Stunden lang stand sie dort – inmitten junger Frauen auf hohen Hacken, die versuchten, Kunden hinter die Vorhänge der Bars zu locken, mit Ping-Pong-Menüs, die die verschiedenen Gegenstände zeigen, die die Frauen sich gegen Geld einführen. Dort stand auch sie: Das kleine Mädchen mit dem Hula-Hoop Reifen.  Klein und zart, aber mit herausfordernder Kleidung und Make-up. Sie wurde The Rock Ring Girl (Das Hula-Hoop Mädchen) genannt und war unter den Touristen bekannt, die sich mit den Freiern in der ”Walking Street” vermischten. Sie stand da und machte ihre sexy Akrobatik und lächelte Touristen an, die dachten, wie niedlich sie doch sei.

Vielleicht haben sie auch Mitleid mit ihr gehabt und wollten ihr helfen. Die Geschenke der Touristen sorgten aber dafür, dass sie vier Jahre lang in einem Umfeld auf der Straße blieb, in dem ein kleines Mädchen nicht sein sollte. Und definitiv nicht in einer Weise gekleidet, die eindeutig signalisiert, dass sie für Geld tanzt. Aber niemand sonst in der Familie war so süß und verdiente genauso leicht schnelles Geld. Sie aber kostete es ihre ganze Kindheit. Wir wissen nicht mehr Details aus dieser Zeit. Nur so viel: Das Mädchen mit dem Hula-Hoop Reifen steht nicht mehr auf der Gehstraße und zeigt ihre Künste Touristen und Freiern.

Denn am Ende schlug sie selbst Alarm und wird nun von einer Organisation betreut, die sich für den Schutz der Kinder in Pattaya einsetzt. Heute geht sie zur Schule, hat gleichaltrige Freunde und lächelt, denn sie ist glücklich, nicht mehr um Geld betteln zu müssen. Das nächste Mal, wenn ein kleines Mädchen im Bordell Bezirk auftaucht und Touristen wieder vorbeigehen, um zu schauen ”was da los ist”, hoffe ich, dass schneller jemand reagiert.

”Wenn ein Ausländer nach Blumen fragt, wissen die Prostituierten, dass er auf er Suche nach Kindern ist.”

”Man sieht keine Kinder mehr in den Rotlichtvierteln”, sagen die Einen. Andere aber sagen, dass auf der Straße so oder so alles und jeder zum Verkauf steht. Wir setzen uns in eine der Bars auf eine der berüchtigtsten Straßen in Pattaya und beobachten, welche Menschen sich in der Gegend so aufhalten. Es ist offensichtlich, dass wir nicht dorthin passen, aber trotzdessen lächeln uns die jungen Frauen in der Bar zu. Wir fragen sie, ob sie manchmal Minderjährige unter den Prostituierten sehen. Natürlich antwortet jeder mit Nein. Obwohl viele der Mädchen (mit Nummern-Tags auf der Brust) sehr jung aussehen und sich häufig mit Haarklammern, Schuluniformen und Kinderfrisuren so präsentieren, dass sie noch jünger wirken, bestehen alle darauf, dass niemand, der Sex auf der Straße anbietet, unter achtzehn Jahre ist.

Es stimmt, dass die, die der öffentlich sichtbaren Prostitution nachgehen, volljährig sind – zumindest auf dem Papier. Die Strafen sind zu hart, als dass jemand Kinder öffentlich zum Sex anbieten würde. Es gibt aber noch immer Kinder, die sich in dieser Umgebung aufhalten und die dem Risiko der Ausbeutung klar ausgesetzt sind. Straßenkinder, die sich mitten in der Nacht um die Seitenstraßen versammeln und Geld von den berauschten Männern erbetteln, die auf dem Rückweg in Ihre Hotels sind. Oder der kleine Jungen, drei oder vier Jahre alt, der am Arm seiner Mutter hängt, als sie spät abends Blumen in einer Gegend verkauft, in der Rosen für Männer eigentlich eine andere Bedeutung haben. Wir fragen uns: Was genau verkauft sie? Auf einer anderen Bordell Straße sehen wir das gleiche: Eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm, die offenbar Blumen verkauft. Wir sehen keine verdächtigen Verkäufe, aber das Bauchgefühl sagt uns, dass etwas daran falsch ist. Wir werden uns mit einer lokalen Organisation in Verbindung setzen, die ausländische Straftäter prüft und sie auffordern, weiter zu untersuchen.

Als ich nach Hause komme, lese ich einen älteren ”Expressen” Artikel (Schwedische Zeitung) über einen der schwedischen Männer, die tatsächlich verurteilt wurde, Kinder im Ausland missbraucht zu haben. Ein siebzig Jahre alter Mann, der unter anderem wegen Vergewaltigung einer Elfjährigen verurteilt wurde. Sie wurde von ihrer Mutter an eine Frau verkauft, die sie zwang, zu betteln und Rosen an Touristen zu verkaufen. So fand der Mann sie. “Wenn ein Ausländer nach ”Blumen” fragt, wissen die Prostituierten, dass er auf der Suche nach Kinder ist – und dann kontaktieren sie mich”, sagt Pi-pi, die rund 100 Kronen an “Makler” zahlt, die ihr Kunden vermitteln”.

Was passiert mit dem Kind?

Eine besondere Herausforderung, sexuelle Übergriffe von reisenden Straftäter zu verhindern, ist, dass die Chance, dass das betroffene Kind oder seine Angehörigen die Tat melden sehr gering ist. Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Es ist eine Kombination aus Scham und Schuld, dass die Familie auf das Geld angewiesen ist und dass man sich mitschuldig fühlt, Geld, Essen oder andere Geschenke erhalten zu haben – dass man Angst vor dem Stigma der Umgebung hat, wird erzählt, was passiert ist, oder einfach nicht zu wissen, dass das, was passiert ist, ein Verbrechen ist. Die meisten Fälle, die in der Vergangenheit zu den Tätern führten, haben daher damit begonnen, dass jemand in der Umgebung etwas Verdächtiges bemerkt und die Polizei oder eine lokale Organisation kontaktiert hat, wie zum Beispiel Aple Cambodia, mit dem sowohl Childhood als auch ECPAT Schweden kooperieren. Die Tipps reichen manchmal aus, um Aufklärungsarbeit bei einem Verdacht zu leisten, nicht aber um den Täter zu ergreifen. In mehreren Fällen konnten Aple und die örtliche Polizei den Täter im Laufe der Aufklärungsarbeit während eines aktuell stattfinden Übergriffs festnehmen und den Missbrauch stoppen. Dann sind die Beweise natürlich stark und die Chance auf eine Überführung groß. Aber für das Kind kann das ein erschreckendes und traumatisches Erlebnis sein. Einer von Aples Ermittlern erzählt, dass die Kinder oft denken, dass sie es sind, die die Polizei sucht.

Und in gewisser Weise ist es wahr. Für eine Verurteilung ist oft die Aussage des Kindes erforderlich – Wir sind aber weit davon entfernt, dass alle Kinder aussagen wollen. Oft haben sie kein Vertrauen in die Justiz. Sie glauben nicht, dass sie von dieser geschützt werden können. Und sie können sich nicht sicher sein, dass ihre Aussage ihnen auch ein besseres Leben bringt. Viele Male verschwinden Kinder während eines Gerichtsverfahrens. Der Grund: Sie sollen vor anhaltendem Missbrauch und Druck von Tätern und Ihrem Umfeld geschützt werden.

Aber das Risiko ist, dass sie in der Untersuchungshaft landen, die die Kinder selbst als eine Art Gefängnis erleben. Dort vermischen sich Männer und Jungen, Frauen und Mädchen. Die Kinder bleiben dort bis der juristische Prozess beendet ist. Manchmal kann das bis zu drei Jahre dauern. Viele Kinder negieren oder ändern deshalb ihre Geschichte, um dem so schnell wie möglich zu entfliehen. Heute sind Gerichtsverfahren für Kinder in Thailand, Kambodscha und den Philippinen alles andere als kinderfreundlich. Nicht so wie wir es uns wünschen würden. Doch der Wandel ist auf dem Weg. Gemeinsam mit Childhood und ECPAT arbeitet Aple an der Stärkung eines kinderfreundlichen Rechtsprozesses in Kambodscha. Die Polizei wurde in kindgerechten Vernehmungen geschult, die sowohl sicherer als auch weniger erschreckend für die Kinder sind. Sie knallen nicht mehr mit der Faust auf den Tisch und fordern auch keine Antworten mehr auf Ihre Fragen. Und in Thailand findet die Entwicklung langsam mit einer zunehmenden Zahl von kinderfreundlicheren Aktivitäten statt, bei denen Polizei, Staatsanwälte und Kinderrechtsorganisationen zusammenarbeiten. Eine der Organisationen, die wir besuchen, verteilt Polizei-Teddybären an die Kinder, die bei einem Verhör waren. Sichere Teddybären von freundlichen Cops, die das Wohl des Kindes wollen.

 

Nachtrag für die deutschen Leserinnen und Leser:

Dieser Bericht von Britta Holmberg ist ein erster Eindruck und soll die Relevanz des neuen Childhood Projektes zeigen. Nur weil etwas von den Straßen und Stränden verschwunden ist, heißt es nicht, dass es nicht mehr existiert. Viele Formen von Missbrauch werden heute im Internet angebahnt. Hier will Childhood, gemeinsam mit Ecpat, ansetzen und mehr über die “Reiserouten” und das Vorgehen westlicher Männer wissen, die sich im Ausland an Kindern vergehen. Außerdem wollen wir es Kindern einfacher machen, über da Erlebte zu sprechen und eine Aussage zu machen, um mehr Tätern auf die Spur zu kommen. Die Täter müssen wissen, dass ihre Taten im Ausland Konsequenzen haben.