„Sexualität und Gewalt in jungen Lebenswelten“
Am 15. und 16.03.2019 hat die World Childhood Foundation an einer Fachtagung zum Thema „Sexualität und Gewalt in jungen Lebenswelten“ an der Humboldt Universität zu Berlin teilgenommen. Veranstalter war der Verein Hilfe für Jungs e. V., den Childhood seit vielen Jahren fördert und unterstützt. Im Rahmen der Tagung fanden Fachvorträge, Workshops und Diskussionen mit dem Schwerpunkt sexualisierte Gewalt an Jungen statt. Zum Auftakt der Veranstaltung hat die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Franziska Giffey, ein Grußwort gesprochen.

Zunächst ging es in einem Fachvortrag um die Schulen und welche Risiken und Potenziale dort im Kontext von sexualisierter Gewalt bestehen. Thematisiert wurde unter anderem die Repräsentation von Jungen in verschiedenen Medien und anderen gesellschaftlichen Kontexten. Anhand eines Kinderbuches wurde anschaulich erklärt, dass Jungen häufig in Situationen dargestellt werden, in denen sie aktives Fehlverhalten zeigen (z.B. Unaufmerksamkeit oder Kämpfen), was dazu führt, dass dies als geschlechtsspezifische Normalität wahrgenommen wird. Zeigen Jungen solche externalisierenden Verhaltensweisen als Folge eines Traumas, welches durch eine sexualisierte Gewalterfahrung verursacht wurde, wird die Ursache häufig nicht erkannt, sondern fälschlicherweise davon ausgegangen, dass „Jungen halt so sind“. Dies führt zu weiteren Problemen, Stigmatisierungen und Ausschlusshandlungen, welche zusätzlich belastend wirken, ohne dass die Jungen als Betroffene wahrgenommen werden. Hier besteht Aufklärungs- und Unterstützungsbedarf, z.B. durch traumapädagogische Maßnahmen wie sie das Projekt traumasensibles Lernen umsetzt, dessen Träger und Veranstalter der Fachtagung, Hilfe für Jungs e. V., seit vielen Jahren von Childhood gefördert wird.

Sequentiellen Traumatisierung bei sexualisierten Gewalterfahrungen
Einer der Vorträge beleuchtete die Aspekte der Sequentiellen Traumatisierung bei sexualisierten Gewalterfahrungen und was sich daraus für die Arbeit mit Betroffenen ableiten lässt. Erleben Kinder und Jugendliche sexualisierte Gewalt, bedeutet dies i. d. R., dass eine Vertrauensperson die Beziehung zu den Betroffenen missbraucht und ausnutzt. Es ist daher von besonderer Bedeutung, dass nach einem solchen Erlebnis positive und zuverlässige Beziehungserfahrungen ermöglicht werden, die durch Kontinuität, Partizipation und Transparenz geprägt sind. Die Betroffenen erhalten dadurch die Möglichkeit, korrigierende Beziehungserfahrungen zu machen und Vertrauen aufzubauen, was bei der Bewältigung der (Trauma-) Folgen enorm wichtig ist. Dabei ist hervorzueben, dass es kein objektives Maß für eine Traumatisierung gibt, d.h., Traumata und ihre Folgen haben immer eine individuelle Bedeutung für die Betroffenen und werden unterschiedlich wahrgenommen. Man spricht hier von der sogenannten ‚Trauma Centrality‘.

Männlichkeit und sexualisierte Gewalt
Mehrere kleine Workshops thematisierten darüber hinaus die Besonderheiten in der Arbeit mit von Gewalt betroffenen Jungen, Männlichkeit und sexualisierte Gewalt, Traumapädagogik und ihr Beitrag zum Kinderschutz, Jungen als gefährdete Gruppe im digitalen Raum sowie forschungsethische Überlegungen in der Arbeit mit traumatisierten Menschen. Die Inhalte waren sehr vielfältig und spannend und wurden von Fachpersonen aus der Praxis vorgestellt und präsentiert. Dabei wurde nochmal deutlich, dass die Spezifika bei sexualisierter Gewalt an Jungen berücksichtigt werden müssen, um den Bedürfnissen der Betroffenen gerecht werden zu können.

Interdisziplinärer und interinstitutioneller Austausch
Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, sich im Rahmen der Veranstaltung interdisziplinär und interinstitutionell auszutauschen. Vor Ort waren wissenschaftliche, pädagogische, politische und viele weitere Akteure, mit denen Erfahrungen, Herausforderungen und Entwicklungen erörtert und diskutiert werden konnten. Insgesamt hat der Fachtag wichtige Impulse gegeben, die wir bei Childhood mit in unsere Arbeit nehmen werden.

[Dieser Beitrag wurde von unserem Projektmanager Alexander Ruf  geschrieben]