„Sexueller Kindesmissbrauch passiert höchstens in sozialschwachen Familien oder vereinzelt in Randgruppen, aber nicht bei uns im Bekanntenkreis”.

Diese Annahme hält sich bei vielen Menschen noch immer. Die Zahlen sprechen aber eine andere Sprache: Sexueller Kindesmissbrauch ist unter uns. Ein ungewollter Teil unserer Gesellschaft in einer Größenordnung, die sprachlos und wütend macht – und uns zum Handeln animieren sollte.

 

  • Es gibt ca. 1 Million betroffener Mädchen und Jungen in Deutschland, wenn man von
    13 MillionenKindern und Jugendlichen in Deutschland ausgeht. (Schätzungen WHO)
  • In jeder Schulklasse in Deutschland sitzen 1-2 Kinder, die von sexuellem Missbrauch
    betroffen sind(Quelle: MIKADO Studie)
  • Etwa 9 von 10 Fällen von Kindesmissbrauch bleiben unentdeckt. (Quelle: MIKADO Studie)
  • 2012: Jährlich rund 11 Milliarden Euro Traumafolgekosten durch Kindesmisshandlung, sexuellen
    Missbrauch und Vernachlässigung (Traumafolgekostenstudie Universitätsklinikum Ulm, 2015)
  • 80-90% der Täter sind männlich. 20-10% weiblich. (Quelle: MIKADO Studie)
Sexueller Missbrauch an Kindern
Sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können. Der Täter oder die Täterin nutzt dabei seine/ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen. Bei unter 14-Jährigen ist grundsätzlich davon auszugehen, dass sie sexuellen Handlungen nicht zustimmen können. Wer Kindern unter 14 Jahren sexuelle Handlungen aufdrängt, ihnen diese abverlangt oder ihnen deren Anblick zumutet, macht sich strafbar, sie können nicht rechtlich wirksam in sexuelle Handlungen einwilligen, da sie ihre Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung noch entwickeln.
Sexuelle Gewalt
Fachpraxis und Wissenschaft sprechen häufig von „sexueller Gewalt an Kindern bzw. Jugendlichen“. Diese Formulierung stellt heraus, dass es sich um Gewalt handelt, die mit sexuellen Mitteln ausgeübt wird.
Über die TäterInnen
Sexueller Missbrauch findet in etwa 80 bis 90 Prozent der Fälle durch Männer und männliche Jugendliche statt, zu etwa 10 bis 20 Prozent durch Frauen und weibliche Jugendliche. Dies bestätigen auch internationale Studien. Missbrauchende Männer stammen aus allen sozialen Schichten, leben hetero- oder homosexuell und unterscheiden sich durch kein äußeres Merkmal von nicht missbrauchenden Männern. Über missbrauchende Frauen wurde in Deutschland bislang wenig geforscht. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sexueller Missbrauch durch Frauen seltener entdeckt wird, weil solche Taten Frauen kaum zugetraut werden
Tatort
Nur wenige Täter und Täterinnen sind den betroffenen Kindern oder Jugendlichen wirklich fremd. Aus der Perspektive der Täter und Täterinnen ist es deutlich einfacher, auf bestehende Vertrauens-, Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse zu bauen.
Missbrauch in Institutionen
Auch Bildungs-, Sport- und Freizeiteinrichtungen, in denen sich Kinder aufhalten, sind Orte, an denen sexueller Missbrauch stattfindet. Potenzielle Täter und Täterinnen wählen häufig pädagogische oder therapeutische Berufe oder (ehrenamtliche) Betätigungsfelder, in denen es möglich ist, sich Kindern und Jugendlichen leicht und dauerhaft zu nähern. Systematisch erschleichen sie sich das Vertrauen der Kinder, bevorzugen einzelne Mädchen oder Jungen, stellen sich scheinbar auf eine Stufe mit dem (potenziellen) Opfer, indem sie eine exklusive Beziehung errichten und die anderen Erwachsenen als bedrohlich oder wenigstens verständnislos darstellen. So gelingt es, das Mädchen oder den Jungen von der Umwelt zu isolieren, stärker an sich zu binden und immer weiter von helfenden Personen abzuschirmen.
Sexueller Missbrauch
In Deutschland wird der Begriff „sexueller Missbrauch“ in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien und von vielen Betroffenen verwendet. Auch das Strafgesetzbuch spricht von sexuellem Missbrauch, meint aber anders als der allgemeine Sprachgebrauch damit nur die strafbaren Formen sexueller Gewalt.
Sexualisierte Gewalt
Der ebenfalls verwendete Begriff „sexualisierte Gewalt“ geht noch einen Schritt weiter und verdeutlicht, dass bei den Taten Sexualität funktionalisiert wird, um Gewalt auszuüben.
Motiv
Ein wesentliches Motiv der Täter ist der Wunsch, Macht auszuüben und durch die Tat Überlegenheit zu erleben. Bei einigen Tätern und wenigen Täterinnen kommt eine sexuelle Fixierung auf Kinder hinzu (Pädosexualität).
Missbrauch in der Familie
Sexueller Missbrauch findet vor allem im nahen sozialen Umfeld der Kinder statt. Je näher der Täter oder die Täterin dem Kind oder Jugendlichen steht, umso schwerer ist es für die Betroffenen, sich aus den Macht- und Abhängigkeitsstrukturen zu lösen und sich Hilfe zu holen.
Rituelle Gewalt
Als rituelle Gewalt bezeichnet man die systematische Anwendung schwerer körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt, etwa in Sekten (zum Beispiel Satanismus, schwarze Magie), in Gruppen, die einer extremen Ideologie verfallen sind (zum Beispiel Faschismus), und insbesondere in Sex-Ringen.