Childhood Brasilien im Interview

 

In der vergangenen Woche haben sich die Geschäftsführer aller vier Childhood Stiftungen in Brasilien getroffen, um über die Stiftung, ihre Arbeit und eine gemeinsame Strategie zu sprechen. Im Rahmen dieses Arbeitstreffens haben wir mit Roberta Rivellino gesprochen, die seit Beginn des Jahres Präsidentin von Childhood Brasilien ist.

[Das Interview fand auf Englisch statt und wurde in die deutsche Sprache übersetzt]

Liebe Roberta, lass uns über Childhood Brasilien sprechen. Die meisten unserer Unterstützer haben von der schwedischen und amerikanischen Stiftung schon einmal gehört – anders ist es bei Childhood Brasilien. Das wollen wir mit diesem Interview ein wenig ändern.

Zuallererst, wann bist du zu Childhood gekommen?

Anfang des Jahres habe ich bei Childhood Brasil angefangen. Und auch wenn es erst ein paar Monate sind, war es eine Zeit, in der ich schon sehr viel gelernt habe. Ich bin sehr froh nun Teil der Childhood Familie zu sein.

Das ist schön zu hören! Bei Childhood haben wir es mit einem sehr besonderen Thema zu tun: Sexuellem Kindesmissbrauch. Es kann eine echt Herausforderung sein, diesem Thema eine Bühne zu geben, weil es in weiten Teilen der Gesellschaft noch immer tabuisiert wird. Wie ist das in Brasilien? Hat das Bewusstsein für dieses Thema sich in den vergangenen Jahren verändert?

Was ich sagen kann, ist, dass dieses Thema in Brasilien genauso ein Tabu ist wie in den meisten Teilen dieser Welt. Aber vor 20 Jahren, als Childhood Brasil ihre Arbeit begann, war es wesentlich schlimmer und kaum einer sprach darüber. Wir merken, dass sich in den letzten 20 Jahren der Arbeit der Arbeit viel getan hat: andere NGO’s haben sich diesem Thema angenommen oder sich mit uns im Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch stark gemacht, Medien und das Unterhaltungsfernsehen haben sich dem Thema angenommen und ihre Art der Berichterstattung verändert und angepasst. Alle versuchen gemeinsam Lösungen zu finden. Ich kann ehrlich sagen, dass die Dinge nicht perfekt sind, aber die vergangenen 20 Jahre gezeigt haben, dass jede Menge Veränderung möglich ist.

Was sind Bereiche in Brasilien, in denen für Kinder ein besonders hohes Risiko besteht, sexuellen Missbrauch zu erleben?

Wenn wir über sexuellen Missbrauch sprechen, sprechen wir vor allem über Taten in der Familie oder im unmittelbaren Umfeld des Kindes. Das sind die größten Tätergruppen. (Anm. v. Red.: Das ist in Deutschland nicht anders!) Wenn wir aber über sexuelle Ausbeutung sprechen, dann sind es vor allem das Transportwesen, der Tourismus, große Events und umfassende Bauprojekte, die ein extrem hohes Risiko für Kinder darstellen. Und natürlich (wie überall anders auch) existiert eine große Gefahr online.

Childhood Brasil hat ein einige Initiativen mit auf den Weg gebracht, die nun zu großen/landesweiten Projekten in Brasilien geworden sind, z.B. das Truckerprojekt oder das Netzwerk im Bereich des Tourismus. Was ist euer generelles Vorgehen bei der Projektarbeit? Unterstützt ihr bereits bestehende Projekte oder bringt ihr eigene auf den Weg?

Als Childhood Brasil im Jahr 1999 gegründet wurde, haben wir bereits bestehende Projekte finanziell unterstützt. Heute arbeiten wir auf eine komplett andere Weise: Alle Programme und Projekte sind von uns konzipiert und auf den Weg gebracht. Dabei arbeiten wir mit Forschungsergebnissen und schauen, wo es Handlungsbedarf gibt. (Anm. d. Red.: Childhood Deutschland arbeitet vor allem mit bereits bestehenden Projekten, deren Arbeit wir unterstützen möchten.)

Was sind die eure Pläne für die nahe Zukunft in Brasilien?

Erst einmal werden wir unseren Strategieplan (2015-2020) beenden, u.a. mit unseren bereits bestehenden Projekten. Im kommenden Jahr werden wir dann intensiv in die bisherigen Projekte schauen, um zu sehen, wo wir noch Arbeit leisten können und was Programme sein könnten, die wir für  in Zukunft anstoßen könnten, um die Sicherheit von Kindern in Brasilien noch mehr zu verbessern.

Dabei viel Erfolg! Wenn du Childhood Brasil in drei Worten beschreiben solltest:
Welche wären das?

Im Original: Advisory, Advocacy and Engagement

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Childhood Brasilien ist seit zwanzig Jahren als laute und vehemente Stimme im Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern in Brasilien bekannt. In unzähligen Projekten und Initiativen setzen sie sich vor allem dafür ein, dass Brasilien zu einem sichereren Ort für Minderjährige wird. Drei von vielen weiteren Erfolge, die Childhood Brasilien in den letzten Jahren erreicht hat, sind:

  • Besserer Schutz von Kindern im Tourismus:
    Vor allem Hotels waren (und sich) immer wieder Orte von sexuellen Übergriffen an Kindern. Hotelgäste geben die Kinder als ihre aus und verbringen mit Ihnen Zeit in einem anonymen Umfeld, in dem wenig Kontrolle stattfindet. Childhood Brasilien hat ein Netzwerk aus Hotelketten aufgebaut, deren MitarbeiterInnen sensibilisiert sind für das Thema und Anzeichen von sich anbahnendem Missbrauch früh erkennen können.
  • Bundesweites Netzwerk aus Transportunternehmen/Lkw Fahrern
    Auf den Straßen von Brasilien ist es nicht besonders sicher für Kinder. Lastwagenfahrer suchen auf den weiten Strecken von Brasiliens Straßen Ablenkung und so kommt es immer wieder zu sexuellen Übergriffen von Erwachsenen an Kindern, insbesondere an Snackstopps und Tankstellen. Childhood Brasilien hat im Jahr 2006 ein Projekt auf den Weg gebracht, das sich mittlerweile über 1.000 000 Lastwagenfahrer erstreckt, die zu Botschaftern der Kinderrechte werden. In speziellen Weiterbildungen werden sie für das Thema Missbrauch sensibilisiert und melden Fälle, in denen sie etwas beobachtet haben. Die Sicherheit von Kindern in besonders gefährlichen Regionen ist seit dem Programm deutlich gestiegen.
  • Gesetzesänderungen im Sinne des Kinderschutzes
    Childhood Brasilien konnte in den vergangenen Jahren immer wieder Gesetzesänderungen anstoßen, die den Schutz von Kindern, die sexuelle Gewalt erleben mussten, verbessern.