“Das sind deine Rechte!”

Anlässlich des diesjährigen Welttag des Buches stellen wir ein ganz besonderes Kinderbuch vor. Anke M. Leitzgen hat mit ihrem Buch “Das sind deine Rechte!” ein Werk von Kindern für Kinder geschaffen, das die Rechte der Kleinsten auf kindgerechte Weise vermittelt. Anlässlich des Themenstages haben wir mit Frau Leitzgen über ihr Buch und die Rechte von Kindern gesprochen. Entstanden ist ein Interview, das einen guten Einblick in die Arbeit einer Autorin gewwährt.

 

Frau Leitzgen, wie kam es zu der Buchidee? Gab es eine konkrete Intention?
Ja, ich hatte erfahren, dass nicht einmal jedes fünfte Kind in Deutschland die Kinderrechte kennt. Da könnte man natürlich erst einmal denken: “Na und?” Kindern in Deutschland geht es doch ziemlich gut, da kann das doch keine so große Rolle spielen. Das stimmt aber nicht. Denn nachweislich fühlen sich Kinder, die ihre Rechte kennen,  wohler in ihrer Haut als Kinder, die sie nicht kennen  – und zwar unabhängig von ihren sozialen Umständen. Daher hatte ich den Wunsch, mitzuhelfen, dass sich an dieser Situation etwas ändert.

 

Für Kinder welchen Alters eignet sich das Buch?
Leitzgen: Kinder ab acht Jahren können „Das sind deine Rechte!“ gut alleine lesen. Aber auch jüngere Kinder interessieren sich sehr für ihre Rechte. Sie brauchen jedoch die Unterstützung ihrer Eltern, um alles, was für sie wissenswert ist, aus dem Buch zu ziehen. Ich arbeite gern mit einem All-age-Design, das Kinder wie Erwachsene anspricht, weil es für Kinder großartig ist, wenn Erwachsene sagen: “Zeig mal her, das sieht ja interessant aus!“ Oder: “Wie spannend, das wusste ich ja gar nicht!” Das Interesse der Großen wertet jedes Buch in den Augen der Kinder auf, weil sie so gern zu ihrer Welt gehören möchten. Bei diesem Buch war es mir ganz besonders wichtig, Kinder und Erwachsene gleichermaßen anzusprechen, weil nicht nur Kinder ihre Rechte kennenlernen müssen, sie brauchen auch Erwachsene, die sich damit auskennen.

 

Sie geben Kindern ein Mitspracherecht im Buch. Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Kindern gestaltet?
Leitzgen: Zunächst habe ich mit einigen Kinder und Jugendlichen zwischen 7 und 13 Jahren darüber gesprochen, was sie über die Kinderrechte wissen. Was dabei herauskam, entsprach der Statistik: Die meisten von ihnen kannten sie nicht. Bei denjenigen, die sie in der Schule oder einer AG kennengelernt hatten, war vor allem hängengeblieben, dass es etwas mit Paragraphen zu tun hat und die Kinderrechte vor allem Kindern in armen Länder helfen sollen. Daraufhin habe ich rund 25 Kinder zu Themen interviewt, die sie sehr persönlich bewegen und in Konflikte bringen: die Trennung der Eltern, Schulwechsel, Krankenhausaufenthalte, Geschwister, die ihre Privatsphäre nicht beachten, Ungerechtigkeiten, Behinderungen, Streit und Stress mit Eltern, Freunden, Lehrern oder Mitschülern. Diese sehr persönlichen Erfahrungen haben wir dann mit den Kinderrechten und dem geltendem Recht aus dem bürgerlichen Gesetzbuch kommentiert. Dabei hatte ich fachlich großartige und sehr einfühlsame Unterstützung von der Rechtsanwältin Anke Stuckmann.

 

Das Thema „Sexueller Missbrauch“ ist nicht explizit aufgeführt in ihrem Buch. War das beabsichtigt? Sehen Sie da Grenzen einer offenen Thematisierung im Buch?
Leitzgen: Kinder sind sehr gut darin, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Ich glaube, das betroffene Kinder vor allem wissen müssen, wie man sich Hilfe holt. In den Workshops zum Buch, die ich ab und zu in Grundschulen erlebe ich immer wieder Folgendes: Wenn ich die Kinder mit Punkten in einem Raster markieren lasse, wie gut die Kinderrechte in ihrem Leben verwirklicht sind, ist das Thema Gewalt in der Regel eines, das besonders schlecht wegkommt. Auf einer Skala von 1 bis 10 kleben die Punkte am Ende eher mittig. Und ein oder zwei Kinder geben oft die geringste Punktzahl. Auch dieses Ergebnis entspricht auf gespenstische Weise den Ergebnissen neuester Studien. Darin heißt es, dass rund jeder Siebte in Deutschland von sexueller Gewalt in der Kindheit betroffen ist. Aktuell geht man davon aus, dass sich in jeder Schulklasse mindestens ein bis zwei Kinder befinden, die Missbrauch erleiden oder erlitten haben.

Im Workshop selbst thematisiere ich Missbrauch nicht, aber im Anschluss daran spreche ich mit den Lehrerinnen, die in der Regel ohnehin schon einen Verdacht hatten, dass es den betroffenen Kindern schlecht geht. Der Workshop wird dann für sie zum Anlass, die Signale ernst zu nehmen und sie nicht länger zu ignorieren. Auf diese Weise ändert sich für einige wenige Kinder etwas. Aber die eigentliche Frage ist doch: Wie es möglich ist, dass feine, aber doch gut sichtbare Signale immer wieder beiseite geschoben werden. Ich gehe davon aus, dass es daran liegt, dass wir keine guten Strukturen haben, um einem Verdacht nachgehen zu können. Es muss selbstverständlich werden, dass Kinder sich beschweren können und ihre Beschwerden gehört werden. Mit meinem Buch kann ich Kinder zwar informieren, aber vor allem muss dieses Thema unter Erwachsenen enttabuisiert werden. Das ist kein leichter Weg, aber einer, um den wir nicht herumkommen, wenn sich etwas ändern soll.

 

Wie war Ihr Eindruck von der Auseinandersetzung der Kinder mit dem Thema Gewalt an Kindern?
Leitzgen: Alle Kinder, mit denen ich gesprochen habe, hatten Mobbing-Erfahrungen. Als Täter, als Opfer, als Zeugen. Kinder sprechen darüber sehr offen. Sie sind wütend und fühlen sich gleichzeitig machtlos. Kein Wunder. Mobbing-Probleme in der Schule gibt es immer dann, wenn Schulen sich ihrer Rolle in dem Thema nicht bewusst sind und nicht wissen, welche vorbeugende Maßnahmen es gibt. Es könnte viel für das Wohlergehen von Kindern und damit auch für ihren Lernerfolg getan werden, wenn Schulen sich diesem Thema konsequent widmen und gute Fortbildungsangebote wahrnehmen würden.

 

In welchen Bereichen möchten, Ihrer Meinung nach, Kinder verstärkt mitreden?
Leitzgen: Eigentlich überall. Aber ganz besonders, wenn es um ihre Privatsphäre geht. Grundschulkinder haben fast keine mehr. Morgens sind sie in der Schule, nachmittags in der offenen Ganztagsbetreuung. Anschließend im Verein oder zu Hause. Einfach mal mit Freunden und Freundinnen alleine sein? Das kennt kaum noch ein Kind. Dabei werden gerade in diesen Zeiten die Grundstrukturen demokratischen Verhaltens geübt und gelernt. Eine Alternative zum freien und unbeaufsichtigten Spiel ist noch nicht in Sicht und ich weiß nicht, welche Folgen das für die gerade heranwachsende Generation haben wird.

 

Ein Gedankenspiel: Sie dürfen sich eine Welt ausmalen, in der Kinderrechte so umgesetzt und gelebt werden wie Sie es für richtig halten. Wie sähe diese Welt aus?
Leitzgen: In dieser Welt wäre es für Erwachsene selbstverständlich, Kinder ernst zu nehmen. Denn sie wüssten, dass das nicht bedeutet, dass Kinder dadurch noch anspruchsvoller werden würden, als sie oftmals empfunden werden. Um den Weg dorthin sehr konkret mitzugestalten, haben wir als kleines Team vor gut zwei Jahren die crossmediale Initiative #stadtsache gegründet. Sie vereinfacht für Kinder die Partizipation in der Stadt. Ihr Recht auf Mitsprache ist schon länger im Baurecht fest verankert, aber noch immer tun sich viele Kommunen schwer damit, es umzusetzen. Die größte Sorge ist, dass sich Kinder unerfüllbare Wolkenschlösser wünschen. Dabei stimmt das gar nicht. Wir erleben sie in unseren Projekten als sehr umsichtig und hilfsbereit, mit Ideen, die das Miteinander fördern und Städte lebendiger und attraktiver machen können. In meiner idealen Welt sind solche Projekte nicht länger großartige Ausnahmen, sondern eine Selbstverständlichkeit. Und wenn das wahr werden sollte, profitieren davon nicht nur die Kinder, sondern wir alle.

Trailer zum Buch: YouTube

Buch “Das sind deine Rechte!”
ISBN: 9783407821782
Anke M. Leitzgen
BELTZ Verlag