13. Dezember 2025
Frühprävention sexualisierter Gewalt im Säuglings- und Kleinkindalter

Über sexualisierte Gewalt an Babys und Kleinkindern zu sprechen, fällt schwer – und ist gerade deshalb dringend notwendig. Auch wenn national und international belastbare Zahlen fehlen, gibt es deutliche Hinweise darauf, wie wichtig es ist, frühzeitig genauer hinzuschauen. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik wurden im Jahr 2024 insgesamt 2.259 Kinder unter sechs Jahren als Betroffene sexualisierter Gewalt registriert (Bundeskriminalamt, 2025). Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs berichtet, dass bei fast der Hälfte der Betroffenen der Beginn der Gewalt vor dem sechsten Lebensjahr lag (Andresen et al., 2021). Und eine repräsentative US-Studie zeigt, dass 17,2 % der betroffenen Minderjährigen bereits im Alter zwischen 0 und 5 Jahren erstmals sexualisierte Gewalt erlebt haben (Gewirtz-Meydan & Finkelhor, 2019). 

Gerade in den ersten Lebensjahren wirkt die Tabuisierung sexualisierter Gewalt besonders stark: Säuglinge können nicht sprechen, Kleinkinder verfügen kaum über Worte für das Erlebte, medizinische Spuren fehlen häufig. Fachkräfte außerhalb spezialisierter Fachstellen sind zudem auf das Thema in dieser Altersstufe kaum vorbereitet. Fast alle Kinder – insbesondere im ersten Lebensjahr – erleben die Gewalt im familiären Umfeld, was eine Aufdeckung zusätzlich erschwert (Grebenstein, 2017). 

Prävention sexualisierter Gewalt in diesem Alter ist eine zentrale Leerstelle – es fehlt an Zahlen, Studien, Wissen, Austausch und geeignetem Präventionsmaterial. 

Deshalb haben wir im Rahmen eines zweijährigen Projekts, gefördert durch das Baden-Württembergische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration, genau diese Lücke adressiert. Um einen besseren Eindruck von Bedarfen und bestehenden Lücken in der Praxis zu erhalten, wurden 115 Fachkräfte aus Kitas, Krippen und den Frühen Hilfen über einen Online-Fragebogen befragt. 94 % gaben an, sich Materialien speziell für die Altersgruppe 0–3 Jahre zu wünschen. Die meisten Fachkräfte kennen kein Präventionsmaterial für diese Altersstufe (84%), berichten aber zugleich, dass das Thema sexualisierte Gewalt im Alltag durchaus präsent sei (58%).  

Aufgrund der Befragungsergebnisse wurden drei Projektvorhaben in den Fokus gestellt: 

Als Hauptergebnis ist ein fundiertes Booklet zur Prävention sexualisierter Gewalt an 0–3-Jährigen entstanden. Auf knapp 140 Seiten bündelt es auf niedrifschwellige Weise zentrales Grundlagenwissen zum Themenfeld sexualisierter Gewalt, fokussiert die psychosexuelle Entwicklung und bereitet Grundlagen zu frühkindlichem Trauma sowie möglichen Folgeproblematiken auf. Es zeigt, wie Prävention im Alltag frühzeitig gelingen kann – und möchte Neugierde wecken, sich weiter mit den Themen auseinanderzusetzen. 

Ein weiteres Projektergebnis ist die Kleine Starke Kinder-Kiste, die in Kooperation mit der Deutschen Kinderschutzstiftung Hänsel & Gretel und dem PETZE Institut entwickelt wurde. Sie bietet Kitas liebevoll gestaltetes, alterentsprechende Präventionsmaterial: die Handpuppe Katze Kim und zahlreiche Anleitungen für Fachkräfte, wie frühe Selbstwirksamkeit erlebbar wird – zum Beispiel durch das Einüben von Grenzsetzungen (auch non-verbal). Fachkräfte aus der Evaluation berichten von Momenten, in denen selbst sehr stille Kinder plötzlich beginnen, sich mitzuteilen und sich klarer auszudrücken – verbal und non-verbal. Am 21. November fand in der Kita Weltentdecker in Karlsruhe gemeinsam mit Staatssekretärin Dr. Ute Leidig der offizielle Auftakt des Projekts statt, bei dem die ersten Kisten vorgestellt wurden. 

Das dritte Projektergebnis umfasst drei begleitende Webinare, die das Wissen aus dem Booklet vertiefen und den fachlichen Austausch fördern. In den Online-Sessions gingen Expert:innen darauf ein, wie sich Prävention sexualisierter Gewalt im Säuglings- und Kleinkindalter überhaupt denken und umsetzen lässt, welche Schritte bei Verdachtsfällen wichtig sind, wie Fachkräfte heikle Themen traumasensibel mit Eltern besprechen können und wie sich Körperentdeckung von Grenzverletzung unterscheiden lässt. Die Webinare boten Orientierung, Raum für Fragen und Beispiele aus der Praxis – und gaben dem so tabuisierten Thema Sichtbarkeit und einen Ort für Austausch. 

Nach zwei Jahren Projekt können wir mit noch größerer Sicherheit sagen: Die Lücke in der frühkindlichen Prävention ist groß – und der Bedarf, sie zu schließen, ebenso. Über die gesamte Projektlaufzeit hinweg war spürbar, wie groß das Interesse an Vernetzung, Wissenszuwachs und Austausch ist. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie sinnvoll es ist, mit dem Thema weiterzuarbeiten, die Materialien zu verbreiten, sie weiterzuentwickeln und neue Kooperationen wie auch Finanzierungen zu gewinnen.

Mehr dazu auf unserer Projektseite zu Prävention sexualisierter Gewalt 0-3 Jährige.

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